Presse

- Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.2007:

Download als PDF

 

- Artikel aus dem Hamburger Abendblatt vom 20.05.2006:

Stadtchronik: . . . und alle Einwohner werden fotografiert

So schön ist Lüchow

Die 9800-Einwohner-Stadt inszeniert sich selbst - für eine Chronik, die zum 850jährigen Bestehen 2008 erscheinen soll.

von Elisabeth Jessen

Lüchow

Schröder muß an der Leine bleiben. "Sonst geht der sofort baden", sagt sein Herrchen Wolfgang Schwieger und deutet auf den großen Teich im weitläufigen Garten. Doch Schröder soll mit trockenem Fell aufs Foto. Und so springt der Mischlingshund zwischen Herrchen und Frauchen in den Strandkorb und blickt artig in die Kamera. Die "Inszenierung" ist Teil eines höchst ambitionierten Projekts in Lüchow (Kreis Lüchow-Dannenberg). Doch davon weiß Schröder nichts.

So wie Wolfgang Schwieger, seine Lebensgefährtin Liebgart Schulz und Schröder, der Hund, werden noch Tausende weitere Lüchower vor die Kamera gebeten. In der 9800-Einwohner-Stadt läuft eine minutiös geplante Foto-Aktion. Alle Bewohner sollen fotografiert werden, die Fotos dann in einen Hochglanz-Bildband Eingang finden, der zum 850-Jahr-Jubiläum 2008 erscheinen soll. Titel: "Lüchows schönste Seiten".

Die Idee habe er aus seinem Italienurlaub mitgebracht, erzählt Initiator Dirk Roggan. Dort hatte die Kleinstadt Fermignano einen dicken Bildband herausgegeben, der den 51jährigen tief beeindruckte, weil er einen unverstellten Blick auf das Dorf und seine Bewohner bietet. Roggan, der in Hamburg als Unternehmensberater arbeitet und in Lüchow einen Baumarkt leitet, sammelte 30 000 Euro Startkapital und steckte in seiner Heimatstadt einige Mitstreiter mit seiner Begeisterung an. "Wir haben im November 2005 mit einer Plakataktion begonnen", erzählt er. Die Plakate mit dem Slogan "2008850. Ich mache mit" funktionierten ähnlich wie die "Alice-Werbung" von Hansenet (anfangs wußte hier auch niemand, wofür die hübsche Frau, mit der ganz Hamburg plakatiert war, warb).

Der Plan habe funktioniert, erzählt Roggan, der auch ein Kurzfilmfestival (6. bis 19. September 2006) in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen hat: Die Lüchower waren neugierig geworden. Bei einem großen Stadtfest wurde das Rätsel um die Plakate mit der siebenstelligen Ziffer aufgelöst. Nun ging es darum, die Lüchower zum Mitmachen zu bewegen.

"Wir haben eine Pyramide von unter her aufgebaut, mit lauter ehrenamtlichen Mitarbeitern", erklärt Roggan. Eberhard Schmidt (65), ein ehemaliger Sportlehrer, übernahm die Leitung des Organisationsbüro. "Wir haben zwölf sogenannte Botschafter ausgesucht", erklärt Schmidt. Wichtigste Voraussetzung: daß sie in ihren Stadt- und Ortsteilen viele Leute kennen und viel Zeit haben. "Jeder Botschafter hat sich Helfer gesucht - die haben wir Kümmerer genannt", beschreibt der Organisationsleiter. Die Kümmerer gingen von Haus zu Haus und verteilten "Mitmach-Karten", mit denen die Bewohner sich anmelden konnten. Das Ergebnis: Mehr als 7000 Lüchower machen mit und müssen nun bis Ende des Jahres fotografiert werden.

Dirk Roggan präsentiert im Organisationsbüro die Zettelkästen, in denen die Anmeldekarten abgelegt sind: "Der Amtsschimmel wiehert hier", sagt er und grinst. Doch nur penible Planung macht es möglich, daß die Fotografin Bianca Schoebel (39) strukturiert arbeiten kann. Möglichst ganze Straßenzüge werden an den Fototagen (mittwochs und freitags nachmittags und sonnabends ganztags) "abgearbeitet". Seit Ende März ist die Fotografin an der Arbeit. Fotografiert wird bei den Leuten zu Hause. Eine logistische Meisterleistung aller Beteiligten - mit allen denkbaren Schwierigkeiten, die die Arbeit mit 7000 unterschiedlichen Menschen macht: "Beim ersten Termin war die Frau noch nicht zurück vom Friseur, erzählt Schmidt. Ein junger Mann ließ den Fototermin kurzerhand platzen: "Seine Frau war schwanger, er wollte erst fotografiert werden, wenn das Kind da ist." Auch im Altersheim war Schoebel schon mit ihrer Kamera: "Da ist erst der Hausfriseur durchgegangen", erzählt die Fotografin. "Für die Leute war das eine schöne Abwechslung."

Dafür, daß sich nicht alle im Sonntagsstaat in der guten Stube präsentieren, sorgt Schoebel. Sie dirigiert den Bildaufbau gern selbst. "Die Leute sind auch meistens sehr aufgeregt."

Weil die wenigsten professionelle Fotos von sich haben, bestellen viele Familien Abzüge der Bilder. Auf die müssen sie nur zwei bis drei Wochen warten. Das Buch dagegen soll erst Ende nächsten Jahres erscheinen, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. "Wenn Geld übrigbleibt, soll es in die Jubiläumsfeierlichkeiten fließen", hat sich Roggan überlegt. Schon jetzt habe das Projekt "2008850" viel für die Stadt und seine Bewohner gebracht. "Die Leute reden mehr miteinander, der Zusammenhalt wächst."